Gipfelstürmer
Initiatorin

Dorothee Röseberg

Professorin i.R. Kulturwissenschaft Romanistik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Vizepräsidentin der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin | 1951
Berlin, Deutschland

Bezug zu HU
  • Student*in
    1969–1973
    Institut für Romanistik
  • Mitarbeiter*in
    1977–1994
    Institut für Romanistik

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21 Jahre lang führte mich mein Weg an Wilhelm und Alexander von Humboldt vorbei zum Haupteingang der Universität Unter den Linden, zu Hörsälen und Verwaltung der Romanistik und Slawistik; zuerst als Studentin (1969-1973), später als wissenschaftliche Assistentin (1977-1994). Wilhelm und Alexander kennen meine Aufregung, Ängste, Enttäuschungen und meine Hochgefühle und Freuden dieser prägenden Jahre meiner wissenschaftlichen Ausbildung. Als ich 1994 nach der Habilitation (1992) die Universität verlassen musste, weil ich auf Empfehlung eines Konstanzer Professors meinen „Marktwert“ testen sollte, begann eine längere Phase, in der ich Wilhelm und Alexander wehmütig begegnete und dies, obwohl ich eines der begehrten Heisenberg-Stipendien der DFG bekommen hatte und noch im selben Jahr Professorin für Kulturen der romanischen Länder an der TU Chemnitz und 1997 an der für die Romanistik traditionsreichen Martin-Luther- Universität Halle-Wittenberg wurde. Obgleich die Bedingungen, unter denen wir in der DDR Französisch studiert haben alles andere als leicht waren – ich studierte, arbeitete als Französischlehrerin und promovierte in diesem Fach ohne jemals in Frankreich gewesen zu sein – bin ich mit dieser Universität mehr verwachsen als mit jeder anderen. Neben dieser biographischen Verwobenheit spielt dafür meine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Humboldtschen Universitätskonzept und dessen kritische Rezeption in Frankreich eine wichtige Rolle. Wie unterschiedlich die Universitätskulturen selbst in Zeiten der Bologna-Reform sind, zu welchen Anpassungsleistungen Studierende gefordert sind, wenn sie im Ausland studieren, welche interkulturellen Missverständnisse allein die Begriffskonzepte Studium, Wissenschaft und noch mehr wissenschaftliches Studium in der Praxis im internationalen Kontext herbeiführen können, all dies lernte ich in meiner engen Zusammenarbeit mit französischen Kolleg*innen beim Aufbau eines binationalen Studiengangs und beim Abfassen eines deutsch-französischen Studienführers kennen. Wilhelm von Humboldt und seine für mich so selbstverständlich zu eigen gemachte Maxime Bildung durch Wissenschaft provozierte meine Neugier und meine Beschäftigung mit der Wissenskultur französischer Eliten, die sich in ihrer Andersartigkeit aus der Epoche der Aufklärung erklärt. Wenn es heute deutschen Studierenden, selbst mit sehr guten Französischkenntnissen meist schwer fällt, die wichtigsten Übungs- und Prüfungsgattungen in Frankreich zu absolvieren, dann sind dies Spuren anderer normativer Denk- und Darstellungspraxen bei der Beschäftigung mit Themen und Fragestellungen, insbesondere in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Französischen Studierenden hingegen sind die Anforderungen an eine wissenschaftliche Hausarbeit ebenso fremd und dies gilt für die meisten ausländischen Studierenden. In vielen Vorlesungen für ausländische Gäste zum Thema der Universitätskulturen war Wilhelm von Humboldt deshalb mein steter Begleiter.
Wenn mir aus meiner wissenschaftlichen Beschäftigung heraus von beiden Brüdern Wilhelm, der Philologe und Bildungstheoretiker näher steht, so ist mir Alexander doch auch begegnet: in Afrika! Adjai Okoukpona, afrikanischer Germanist aus Togo stellte sich mir dort stolz als „Humboldtianer“ vor und meinte lächelnd, ich müsse mich für diesen Titel erst noch qualifizieren. Er konnte nicht ahnen, wie sehr mich das traf. Inzwischen arbeiten wir gemeinsam, er der ehemalige Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung, heute einer der führenden Germanisten und aktiver Netzwerker der Humboldtianer in Westafrika und ich die Humboldtianerin aus Berlin. So ist die Wehmut vergangen und ich grüße Wilhelm und Alexander wie in früheren Zeiten.

Foto: Dietmar Linke (Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin)

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